Intensiv: Hauptdarsteller Julian Vergov hat für seine Rolle bereits den "Best Actor Award" beim 42. Cairo Film Festival gewonnen
Filmszene aus German Lessons: Ein man trägt einen toten Hund und schaut zum Himmel.
06.10.2021 | "Lektionen auf Deutsch" beim Filmfest Hamburg

Düster und realistisch

Gleich zwei Preise (Fipresci + Special Jury Award) gab es beim 25. Sofia International Film Festival im März für "Lektionen auf Deutsch". Beim Tertio Millennio Film Fest 2021 wurde das Drama sogar als bester Film ausgezeichnet - jetzt läuft der Film beim Filmfest Hamburg. Koproduzent ist Sebastian Weyland mit seiner Hamburger Firma Heimathafen Film. Wir haben uns mit Regisseur Pavel Vesnakov und Kameramann sowie Produzent Orlin Ruevski getroffen und über die bulgarische Filmszene, die Dreharbeiten in Sofia und die Postproduktion bei Optical Art in Hamburg gesprochen.

Wann habt ihr mit der Arbeit an "German Lessons" angefangen?

Pavel Vesnakov: Die Finanzierung begann vor rund fünf Jahren in Bulgarien, bevor wir uns für eine Koproduktion entschieden haben. Die Story war zu dieser Zeit noch etwas anders. Dann kam die Finanzierung in Bulgarien ins Stoppen und das Projekt verspätete sich. Ich hatte also Zeit mir erneut Gedanken um die Geschichte zu machen. Ich begann mich zu fragen, was es bedeutet, seine Heimatland zu verlassen. Es ist ein sehr persönlicher Film geworden, alles passiert in meiner alten Nachbarschaft in Sofia. Ich schaue also ein wenig auf mein Leben vor 25 Jahren zurück.

Mehrere Leute sitzen in den Hamburger Optical Art Studios vor einem PC.
Colour Grading bei Optical Art: v.l. Pavel Vesnakov (Regie), Ronney Afortu (Colorist), Malika Rabahallah (FFHSH), Sebastian Weyland (Produzent) und Orlin Ruevski (Kamera, Produzent)

Spielen einige deiner Freund*innen im Film mit, die immer noch in deiner alten Nachbarschaft wohnen?

Pavel Vesnakov: Man hört ein paar meiner Freund*innen in Dialogen aus dem "Off". Ansonsten haben wir nur mit professionellen Schauspieler*innen gedreht.

Worum geht's im Film?

Nikola, ein Mann um die 50, ist alles andere als zufrieden mit seinem Leben in Bulgarien. Er entscheidet sich als Rettungsanker dafür, nach Deutschland auszuwandern. Doch vorher möchte er noch ein paar Beziehungen zu Menschen retten, die ihm in seiner Stadt Sofia am Herzen liegen. Und all das einen Tag, bevor er abreisen will.

Wo habt ihr überall gedreht?

Pavel Vesnakov: Der ganze Film wurde in Sofia gedreht – zum größten Teil in den Randgebieten der Stadt. Also dort, wo ein Großteil der Mittelschicht wohnt.

Trailer "German Lessons"

Pavel, du hast schon bei früheren Projekten mit Orlin zusammengearbeitet. Woher kennt ihr euch?

Pavel Vesnakov: Wir haben schon sechs Filme zusammen gemacht und uns vor rund zwölf Jahren zum ersten Mal im Studio getroffen. Ich hab dort als Student gearbeitet und zu der Zeit gerade einen Film gemacht, den ich für meinen Abschluss an der Uni brauchte. Orlin hatte mehr Erfahrung und hat mir geholfen.

Skyline von Sofia mit menschlicher Silhouette im Vordergrund.
Die Heimatstadt Sofia von Regisseur Pavel Vesnakov ist im Film immer präsent

Gibt es eine Verbindung zwischen "German Lessons" und deinen früheren Werken?

Pavel Vesnakov: Die Charaktere und das Umfeld sind bei meinen Filmen tatsächlich immer etwas ähnlich. Der Inhalt ist meistens düster und sehr realistisch.

Setfoto German Lessons
Dreharbeiten in Sofia: v.l. Orlin Ruevski, Sebastian Weyland, Yulian Vergov, Pavel Vesnakov, Monica Balcheva (Produzentin)

Ihr wart mit eurem Film in der Postproduktion auch bei Optical Art in Hamburg. Was habt ihr dort gemacht?

Pavel Vesnakov: Wir waren bereits zum dritten Mal fürs Color Grading dort. Es ist ein sehr filigraner Prozess, mit dem man die Farben und somit die ganze Stimmung des Films ändern kann. Es hat ein wenig gedauert, bis wir den richtigen Look gefunden hatten. Ein superwichtiger Job, der wirklich viel Spaß macht.

Orlin Ruevski: Die ersten drei Tage haben wir mit verschiedenen Looks herumexperimentiert, die Farben dunkler und heller gezogen und geschaut, womit der Film am besten aussieht und was die Story am besten unterstützt.

Filmszene aus German Lessons: Ein Mann hinter Gitterstäben
Ein "düsterer und realistischer Look" - hier sehr schön zu sehen
Teile des Filmteams schauen auf einen PC-Monitor und machen das Color Grading.
Ende 2019 fand das Color Grading von "German Lesson" bei Optical Art in Hamburg statt

Ist während der Dreharbeiten alles glatt gelaufen?

Pavel Vesnakov: Die Dialoge im Film habe ich alleine geschrieben. Man hört sie dann das erste Mal so wirklich bei den Proben, wo oft sehr schnell gelesen wird. Wenn man dann wirklich dreht, realisiert man an einigen Stellen, dass die Dialoge nicht so funktionieren, wie man sich das vorgestellt hat. Es gab also immer wieder mal Drehtage, an denen wir gemeinsam mit den Schauspieler*innen die Dialoge umgeschrieben haben, in ihren eigenen Worten.

Filmszene aus German Lessons: Eine Man und eine Frau sitzen mit ernstem Gesicht an einem Tisch.
Bevor Nikola Bulgarien verlässt, versucht er Freundschaften und Verbindungen zu Menschen zu reparieren, die ihm Lieb sind

Könnt ihr ein paar Filmemacher nennen, die eure Arbeit beeinflusst haben?

Pavel Vesnakov: Mir gefällt sehr die Arbeit von Kelly Reichardt. Doch mein absoluter Lieblingsregisseur ist eher unbekannt und hat tatsächlich nur einen Film gemacht: Lance Hammer mit seinem Drama "Ballast", das auch beim Sundance Film Festival 2008 ausgezeichnet wurde. Momentan bin ich allerdings mehr an Fotografen und deren Arbeiten interessiert. Sie beeinflussen meine Arbeit stark, wie zum Beispiel der amerikanische Fotograf Alex Webb.

Orlin Ruevski: Mein Favorit ist momentan Roger Deakins, einer der berühmtesten DOPs auf der Welt.

Erzählt uns etwas über die bulgarische Filmszene

Pavel Vesnakov: Es gibt ein paar junge Filmemacher, die aktuell recht erfolgreich sind im Spielfilmbereich. Ralitza Petrova mit seinem Film „Godless" ist einer von ihnen. Oder Ilian Metev mit seinem Film "3/4". Auch Petar Valchanov und Kristina Grozeva haben mit ihrem Film "The Father" auf sich aufmerksam gemacht; gleiches gilt für Milko Lazarov und sein Werk "Aga".

Moviemento
weitere Interviews
Weitere Beiträge