Der Kurzfilm "Carlotta's Face" war bisher die erfolgreichste Produktion des Animationsstudios Fabian&Fred
Still aus dem Film Carlottas Face, das eine Gesicht zeigt.
10.09.2021 | Hamburger Animationsstudio Fabian&Fred

Anspruchsvolle Themen eindrucksvoll verpackt

Seit 2015 produziert das Studio „Fabian&Fred" in Hamburg erfolgreich Animationsfilme für den internationalen Markt. Mit den Kurzfilmen „Steakhouse" und „Night" waren die Gründer Fabian Driehorst und Frédéric Schuld zuletzt in Locarno gleich zweimal im Wettbewerb vertreten. Wie die beiden zum Animationsfilm gekommen sind und welche spannenden Projekte sie gerade in der Pipeline haben, verraten wir euch hier.

Häusliche Gewalt, Krieg, Ängste und Depressionen – es sind keine leichten Themen, die das Studio Fabian&Fred mit vielen seiner animierten Kurzfilme aufgreift und erzählt. Doch sie sind visuell so eindrucksvoll und auf den Punkt, dass man sich als Zuschauer*in regelrecht in einem Sog befindet – der einen auch dann nicht loslässt, wenn die Credits schon lange über den Bildschirm geflimmert sind. Seit 2015 hat das Hamburger Studio zwölf Animationsfilme produziert, die auf rund 800 Festivals zu sehen waren – darunter die Berlinale, das Hiroshima Animation Festival, das Annecy International Animation Film Festival oder zuletzt Locarno.

Foto von Fabian Driehorst und Frederic Schuld in einer Kneipe.
Fabian Driehorst (l.) und Frédéric Schuld im St. Pauli Eck in der Nähe ihres alten Studios

Mit über 30 Auszeichnungen ist „Carlotta's Face" aus dem Jahr 2018 bisher die erfolgreichste Produktion. Der Film lief bis heute auf 230 Festivals und zeigt dem Publikum in einer Mischung aus Animation und Dokumentation auf eindrucksvolle Weise wie es ist, „gesichtsblind" zu sein. „Unsere Protagonistin und Erzählerin Carlotta kann die Gesichter von Menschen nicht erkennen. Unsere Herausforderung war es also, ein Charakterdesign ohne Gesicht zu entwickeln, das dennoch sympathisch ist", verrät Fabian Driehorst, der bei dem Film als Produzent fungierte. Auf Basis von Zeichnungen der echten Carlotta arbeitete sich das kleine Team Stück für Stück voran – und kreierte auf diese Weise einen beeindruckenden Fünfminüter. „Auch Carlotta selbst war am Ende total begeistert. Denn sie konnte den Film genau so sehen, wie alle anderen Zuschauer*innen auch", verrät Driehorst. Die Animation übernahm Frédéric Schuld, der gemeinsam mit Valentin Riedl auch Regie führte. Fabian Driehorst Produktion, Frédéric Schuld Regie – eine Kombination, die sich seit der Gründung von Fabian&Fred im Jahr 2012 bewährt hat.

Carlotta's Face (Kompletter Film)

Die beiden studierten gemeinsam an der Kunsthochschule in Köln das Fach „Regie" und arbeiteten während des Studiums bei dem Film „Der Schrottmann" das erste Mal zusammen. „Ich hatte bis dahin von Kunstinstallation bis Dokumentarfilm viel ausprobiert. Mein Uniprojekt „Der Schrottmann" war dann ein Mix aus Real- und Animationsfilm. Für den Animationspart habe ich mir Fred mit ins Boot geholt – und irgendwie hat das sehr gut funktioniert", sagt Driehorst und lacht. Das Wissen im Bereich Produktion musste er sich über die Jahre als Autodidakt aneignen, denn an der Kunsthochschule Köln gab es kein entsprechendes Angebot.

Regisseurin Rebecca Blöcher arbeitet im Animationsstudio.
Regisseurin Rebecca Blöcher arbeitet im Hamburger Studio an "The Happiness Machine"
Arbeit an
At work: Fred (r.) und Fabian (m.) mit Juan Carlos Concha Riveros, dem Animation Director von "À La Dérive"

Ihre Firma gründeten die beiden im Jahr 2012 in Düsseldorf. Dass Animationsfilm ihr Steckenpferd wird, entschied sich jedoch erst zwei Jahre später mit dem Film „Däwit", den die noch junge Firma mit Regisseur und Ex-Kommilitone David Jansen realisierte. Der 2D Film um einen Jungen, der unter Wölfen aufwächst, wurde rund ein Jahr von Jansen und seiner Frau in mühevoller Kleinarbeit animiert – und landete am Ende im Programm der Berlinale. „Das war für uns natürlich ein toller Erfolg. Eine große Hilfe war dabei Maike Mia Höhne vom Kurzfilmfestival Hamburg, die damals künstlerische Leiterin der Berlinale Shorts war und den Film gesichtet hat . Nach dem Film wusste ich, dass ich im Animationsbereich bleiben möchte", sagt Driehorst.

Däwit (kompletter Film)

Im Jahr 2015 lief „Däwit" weltweit auf Festivals und legte den Grundstein für Fabian&Fred. Im gleichen Jahr zog die Firma nach Hamburg um und widmete sich mit „À La Dérive" direkt einer großen Koproduktion zwischen Deutschland, Frankreich und Spanien. Rund 40 Leute arbeiteten an dem Kurzfilm, von dem ein Großteil der Postproduktion in Hamburg stattfand. Die Animationsschmiede machte eine steile Lernkurve durch und wurde am Ende erneut mit zahlreichen Festivalteilnahmen belohnt. Mittlerweile besteht das Team in Hamburg aus fünf Mitarbeiter*innen und kann von der Story eines Films bis hin zum Design und den Animationen alles in seinem Studio in der Elbstraße umsetzen.

À La Dérive (kompletter Film)

Was kann Animationsfilm eigentlich, was ein Realfilm nicht kann? „Ich finde, Animationsfilme können Themen zugänglicher machen und generationsübergreifend vermitteln. Das kann man sehr gut bei den großen Kinoproduktionen wie ‚Alles steht Kopf' oder ‚Oben' sehen. Oder auch bei kleineren Filmen wie bei unserem 'À La Dérive'", so Driehorst. Der Kurzfilm erzählt die Geschichte eines Vaters, der Depressionen hat und wortwörtlich immer weiter verschwindet. Erzählt wird aus der Perspektive seines Sohnes. Ein Animationswerk, das auf vielen Kinder- und Jugendfestivals zu sehen war. Auch wenn sich ein Großteil der Filme von Fabian&Fred eher an ein erwachsenes Publikum wendet, sind aktuell vermehrt Produktionen für ein jüngeres Publikum geplant. Gemeinsam mit der Hamburger Autorin Esther Kaufmann schreibt Frédéric Schuld gerade an seinem animierten Langfilmdebüt „Alias Geheimnis", den das Team im kommenden Jahr bei der Initiative „Der Besondere Kinderfilm" einreichen will.

Zeichnung zu Alias Geheimnis.
Da kommt etwas Großes auf uns zu: Concept Art zu Alias Geheimnis

Mit „Vanjas Welt" befindet sich außerdem eine Kinderserie von Regisseurin Marita Mayer in der Entwicklung, die das Thema der nichtbinären Geschlechtsidentität auf kreative Weise behandelt. Nicht unbedingt für Kinder, dafür aber bereits in Produktion ist der Film „Nissan Micra K11" von Rebecca Blöcher, der mit einem Mix aus Dokumentar- und Animationsfilm auf der technischen Seite ein wenig an Carlotta's Face erinnert, inhaltlich jedoch ganz andere Wege geht. Blöcher folgt in dem sehr persönlichen Film ihrer Mutter, die über zehn Jahre in ihrem Kleinwagen gelebt hat. Es ist also gerade einiges los im Hause Fabian&Fred. „Wir produzieren ein breites Spektrum an Animationsfilmen und sind auf keine bestimmte Animationstechnik festgelegt. Am Ende kommt es einfach auf eine gut erzählte Geschichte an", verrät Driehorst.

Still aus der Serie Vanjas Welt
Vanja schlüpft in "Vanjas Welt" in die Gestalt unterschiedlicher Tiere

Zuletzt konnte man dieses Spektrum sehr gut beim Locarno Film Festival auf der großen Leinwand bewundern, wo die beiden Kurzfilme „Steakhouse" und „Night" ihre Premiere im Wettbewerb „Pardi di Domani" feierten. Steakhouse von Špela Čadež ist mit analoger Legetrick-Technik am Tricktisch wie zu guten alten Disneyzeiten entstanden und nimmt sich dem Thema häusliche Gewalt an. Hierfür gab es auf dem Festival eine lobende Erwähnung der unabhängigen Jury. Der Film „Night" des Filmemachers Ahmed Saleh wurde mit Puppen und Stop Motion aufwändig von ihm und seinen zwei Brüdern produziert und folgt einer Mutter auf der Suche nach ihrem Kind in einem nicht näher definierten Kriegsgebiet. Beide Filme hallen noch lange nach. Beide Filme zeigen, was Animationskurzfilm alles kann.

Still aus dem Film Steakhouse.
Der Animationsfilm "Steakhouse" bekam 2021 eine lobende Erwähnung in Locarno
Still aus dem Animationsfilm
Rund ein Jahr haben die Arbeiten an dem Puppen-Stop Motion Film "Night" gedauert
Dreharbeiten zu Night.
Alles Handarbeit: Die Puppenwelt von "Night"
Arbeit am Film Night.
Hier bekommt Handarbeit eine völlig neue Bedeutung
Arbeit a, Film Steakhouse.
Legetrick-Technik am Tricktisch für "Steakhouse"

Wenn man Fabian Driehorst nach seinen ganz persönlichen Lieblingsfilmen aus dem Animationsuniversum fragt, bekommt man einen Mix bekannter und weniger bekannter Werke der letzten 25 Jahre. Darunter der bewegende Anime „Die Reise der letzten Glühwürmchen" von Isao Takahata, „Millennium Actress" von Satoshi Kon und der Stop Motion Film „Coraline" von Henry Selick aus dem Jahr 2009. Alles Langfilme, die weltweit ihr Publikum gefunden haben und von vielen Fans verehrt werden. Vielleicht wird irgendwann im gleichen Atemzug die Produktion eines kleinen Hamburger Studios genannt, das sich seit 2015 mit dem richtigen Gespür für außergewöhnliche Stoffe Stück für Stück seinen Weg in die erste Riege der Animationsstudios bahnt.

Fabian und Fred vor ihrem Studio
Die beiden Gründer vor ihrem aktuellen Studio in der Elbchaussee 28
Alle Stills + Studiofotos: Fabian&Fred
Porträt Elbchaussee: Franz Schuier
Making of "Steakhouse": FINTA
Making of "Night": ses-studio
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