Der 14-jährige Daniel (Malte Oskar Frank ) leidet unter seinem agressiven Bruder (Eric Cordes)
Filmstill der beiden Hauptdarsteller, die an einem Küchentisch sitzen
07.02.2022 | „Gewalten“ auf der Berlinale 2022

Menschwerdung am Abgrund

Regisseur und Autor Constantin Hatz hat bereits mit seinen Hochschulfilmen für Aufmerksamkeit gesorgt. Sein Abschlussfilm „Brut" an der Filmakademie Ludwigsburg feierte bei den 51. Hofer Filmtagen Premiere. Für seinen Dokumentarfilm „Helikopter Hausarrest" wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Kurzfilmpreises ausgezeichnet. Und nun ist „Gewalten" – sein erste Film außerhalb der Hochschule – in der Sektion Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale 2022 zu entdecken.

Von Bernd Jetschin

Das Drehbuch zu „Gewalten" war 2018 für den renommierten Thomas-Strittmatter-Preis nominiert, der alljährlich bei der Berlinale vergeben wird. Und so ist auch der Produzent und Geschäftsführer der Kinescope Film Matthias Greving auf Hatz aufmerksam geworden. Gemeinsam mit seiner Kollegin Janina Sara Hennemann schaute er sich nach Lektüre des Drehbuches auch dessen erste Filme an. Vom Drehbuch vollends überzeugt, fanden sie, „dass bereits eine große Konsistenz aus seinem frühen Werk spricht, die nun auch in seinem Kinodebütfilm zum Ausdruck kommt", sagt Greving, der dem Autor und Regisseur bescheinigt, schon seinen eigenen Weg gefunden zu haben.„Es gelingt ihm auf faszinierende Art und Weise Welten einzufangen. Er besitzt dabei eine narrative Kraft und eine eigene Handschrift, die sich auch in seinen dokumentarischen Filmen zeigt."

Daniel steht mit seinem Fahrrad vor einem Wald
Im Wald findet Daniel Zuflucht

„Gewalten" erzählt die Geschichte des Jungen Daniel (Malte Oskar Frank), der seinen todkranken Vater (Robert Kuchenbuch) pflegt und von seinem aggressiven Bruder (Eric Cordes) ausgenutzt wird. Der Alltag des 14-jährigen Teenagers in einem von Landflucht geplagten Dorf ist geprägt von Gewalt, Gefühlskälte und Perspektivlosigkeit. In dieser Vereinsamung sucht und findet er einen neuen Erfahrungsraum in der Natur, in einem nahe liegenden dichten Wald, den er durchstreift.

Porträtaufnahme des Hauptdarstellers
Hat sich im Casting durchgesetzt: Malte Oskar Frank in der Hauptrolle des 14-jährigen Jungen Daniel

Familiendrama oder Coming of Age-Film? Constantin Hatz mag diese Schubladen nicht. Er sieht seinen Film eher als eine Parabel über das Gefühl des Weltschmerzes. „Ich denke, dass mein Film den Jungen in seiner Menschwerdung begleitet inmitten dieser lieblosen Welt von Gewalt und Leid, die zu einer Quelle einer höheren Erkenntnis wird." Die Ausflüge in die Natur versteht Hatz durchaus als romantisches Motiv, „als einen seelischen Erfahrungsort", wie er es nennt.
Im Zentrum steht eine zerrissene Familie in einer Krisensituation, ein Aspekt, der auch in anderen Filmen von Constantin Hatz bereits eine Rolle gespielt hat: „Auch da ging es um unkonventionelle Familienkonstellationen, um Familien, die unter einer besonderen Spannung stehen." Produzent Matthias Greving hat 2015 den ZDF-Film „Die Hände meiner Mutter" produziert, der das Tabuthema häusliche Gewalt ins Bewusstsein rückte. Innere familiäre Spannungen und Ausnahmesituationen, die oft nicht nach außen dringen und daher umso stärker nach innen wirken, interessieren den Produzenten sehr, und er fand, dass der Stoff von Constantin Hatz in diesen Themenkomplex gut hineinpasst.

Foto der Dreharbeiten mit Regisseur und Hauptdarsteller
Regisseur Constantin Hatz während der Dreharbeiten mit Malte Oskar Frank

2020 sollte der Film „Gewalten" eigentlich gedreht werden, was der Corona-Lockdown jedoch erst einmal verhinderte. So mussten die Dreharbeiten, die in der Region um Amt Neuhaus, im Harz und auch in Hamburg stattfanden, von März auf Oktober und November verschoben werden, wo nach knapp der Hälfte der Strecke der nächste Pandemie-Lockdown die Filmarbeiten einholte und behinderte. „Es hat unser Team extrem gefordert", berichtet Greving, der als Produzent allerdings Erfahrungen mitbringt, in Zeiten von Corona Filme zu drehen. Das Biopic „Heinrich Vogler", das im Mai dieses Jahres ins Kino kommt, war einer der ersten Filme, die nach dem Lockdown in Norddeutschland im Mai 2020 wieder gedreht werden konnte. „Diese Erfahrungen haben uns dann auch bei 'Gewalten' geholfen."

Foto der Dreharbeiten mit Kameramann Rafael Starmann
Kameramann Rafael Starmann hat die stimmungsvollen Bilder eingefangen
Filmstill mit dem todkranken Vater.
Robert Kuchenbuch spielt den todkranken Vater

Die 2015 gegründete unabhängige Produktionsfirma Kinescope Film mit Sitz in Bremen und weiteren Firmen in Hamburg und Köln sowie einer Niederlassung in Frankfurt beschäftigt heute 22 Mitarbeiter. Das Team um Regisseur und Produzent Matthias Greving produziert neben nationalen und internationalen Spielfilmen und Serien vor allem auch Dokumentarfilme für Kino, TV und Online. „Wir suchen nach Geschichten und Talenten, die wir spannend finden und analysieren, wie und in welchen Formaten diese sich am geeignetsten umsetzen lassen", sagt er. Der Schwerpunkt liege derzeit noch auf dokumentarischen Produktionen, doch Greving will zukünftig den Anteil fiktionaler Formate steigern, dass es sich im jährlichen Output die Waage hält.

Greving setzt auf die weitere Zusammenarbeit mit Hatz, dessen nächster Film „Störung" derzeit in der Endfertigung ist und wieder von Kinescope Film produziert wird. Und ein weiterer Film von Constantin Hatz, zu dem bereits das fertige Drehbuch vorliegt, befindet sich derzeit in der Produktionsvorbereitung. Talente früh entdecken und mit ihnen kontinuierlich zusammenarbeiten, das ist das Ziel der Bremer Kinescope Film. Auf die Premiere von „Gewalten" bei der Berlinale freut sich das Team nun riesig. Besser hätte der Start ins neue Jahr kaum laufen können.

Filmstills: KinescopeFilm/RafaelStarman

Setfoto 1: Christiane Schröder
Setfoto 2: Julio Del Bianco
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