Der Hamburger Luis Brandt spielt die Hauptrolle in "Beben"
Hauptdarsteller Luis Brandt vor Hafenkulisse.
09.05.2022 | Kurzfilm aus Schleswig-Holstein feiert Premiere

Ein "Beben" geht durch Cannes

Ein Therapieunfall mit weitreichenden Folgen: Im Mai feiert der Kurzfilm „Beben" von Regisseur Rudolf Fitzgerald Leonard seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes. Der Film wurde zum Großteil in Schleswig-Holstein gedreht – Hauptdarsteller ist der Hamburger Luis Brandt.

Wie es ist, wenn man von einem auf den anderen Tag auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen ist, weiß Regisseur und Drehbuchautor Rudolf Fitzgerald Leonard nur zu gut. Ein schwerer Unfall zwang ihn im Alter von 14 Jahren für lange Zeit in den Rollstuhl. „Was mich aus dieser Zeit bis heute begleitet und fasziniert ist die enge Verbindung, die in kürzester Zeit zwischen Patient und Therapeut entsteht", sagt Fitzgerald Leonard. Und genau diese Verbindung thematisiert er in seinem neuen Kurzfilm „Beben", der seine Weltpremiere in diesem Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes in der Sektion „Quinzaine des Réalisateurs" feiert.

 

Foto der Dreharbeiten am Beckenrand des Schwimmbads der Christian-Albrecht-Universität
Bei den Dreharbeiten in der Schwimmhalle der Christian-Albrecht-Universität in Kiel: (v.l.) Yassine Sadik Cherabi (Pflegefachkraft), Luis Brandt, Rudolf Fitzgerald Leonard, Henning Lindow (1. Kamerabühne)

Im Zentrum des Films stehen die Physiotherapeutin Mina (Lilian Mazbouh) und ihr jugendlicher Patient Leon (Luis Brandt), der mit infantiler Zerebralparese lebt, also eine Störung des Nervensystems und der Muskulatur. Während einer Therapiesitzung im Therapiebecken kommt es zu einem Zwischenfall, der von ein paar unbeteiligten Personen mit dem Handy aufgezeichnet und ins Internet gestellt wird. Das Video und die Verbreitung in den sozialen Medien haben weitreichende Folgen für die zwei Hauptprotagonist*innen.

Luis Brandt bei der Wassertherapie.
Wasser spielt eine zentrale Rolle in "Beben". Hier bei den Dreharbeiten einer Therapieszene

In die Rolle des Leon schlüpfte der 23-jährige Hamburger Luis Brandt, der auch im echten Leben mit infantiler Zerebralparese lebt. „Luis stieß bereits sehr früh zum Projekt hinzu und ließ seine Erfahrungen als Co-Autor mit ins Drehbuch einfließen", verrät Annika Birgel, die den Kurzfilm mit ihrer Berliner Firma Problemkind produziert hat und auch am Drehbuch mitschrieb. Entdeckt hat sie den jungen Nachwuchsschauspieler auf YouTube, wo Brandt regelmäßig Content postet. „Dort habe ich ihn dann angeschrieben – und kurze Zeit später gehörte er mit zum Team. Wir haben viel über Stereotypen und Inklusion im deutschen Kino gesprochen und Luis hat uns erzählt, was er im deutschen Film aktuell vermisst bzw. anders machen würde. Das hat uns und dem Film sehr geholfen", so Birgel.

Zwischen der ersten Idee und dem eigentlichen Dreh vergingen rund drei Jahre. Nachdem die Dreharbeiten im Jahr 2020 aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden mussten, konnte das Team im Juni 2021 endlich loslegen. Gedreht wurde an sechs Tagen in Schleswig-Holstein, unter anderem in der Schwimmhalle im Sportzentrum der Christian-Albrecht-Universität Kiel sowie im Reha-Haus Buchholz in Dithmarschen. Doch warum genau entschied sich die Crew für das nördlichste Bundesland? „Schleswig-Holstein gilt für viele Deutsche als Erholungsziel im eigenen Land. Und hier gibt es viele Therapieeinrichtungen – für unser Thema also perfekt. Außerdem hat man viele Orte in Schleswig-Holstein noch nicht auf der großen Leinwand gesehen. Das Rehahaus in Buchholz war einzigartig und auch die Schwimmhalle an der Uni in Kiel hat eine tolle Architektur", schwärmt Birgel. Ein weiterer Grund: Hauptdarsteller Luis Brandt ist gebürtiger Schleswig-Holsteiner und kommt aus der Gemeinde Trappenkamp.

Die Filmcrew auf einer Skateranlage.
Dreharbeiten auf dem MFG-5-Gelände in Kiel

Neben dem Thema Inklusion und der Beziehung zwischen Therapeut*in und Patien*in spricht der Film noch ein weiteres Thema an: die Macht der sozialen Medien. Es ist ein Leichtes, einen Videoclip anonym ins Netz zu stellen, der vielleicht erhebliche Konsequenzen für das Leben der Personen hat, die im Video zu sehen sind. „Wir wollten mit 'Beben' beleuchten, wie schnell sich die Öffentlichkeit eine Meinung bildet, abseits von richtig oder falsch", sagt Regisseur Rudolf Fitzgerald Leonard.

In Cannes haben sie mit ihren Themen bei der Jury einen Nerv getroffen. Wie fühlt es sich an, beim wichtigsten Filmfestival der Welt Premiere zu feiern? „Das ist wirklich ein unbeschreibliches Gefühl – ich musste die Zusage aus Cannes mehrmals lesen, um es zu glauben", sagt Produzentin Birgel. Und egal was in Cannes passiert, ‚Beben' wird definitiv nicht die letzte Zusammenarbeit zwischen Birgel und Fitzgerald Leonard bleiben. Mit dem Film 'Porzellan' steht schon das nächste Kurzfilmprojekt der beiden in den Startlöchern, das übrigens im Sommer 2022 auch wieder an sechs Tagen und auch wieder in Schleswig-Holstein gedreht werden soll. Vielleicht eine geheime Erfolgsformel? Spätestens nächstes Jahr wissen wir mehr.

Stills: Problemkind Filmproduktion
Setfotos: Adam Lynch
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