Hauptdarstellerin Stefanie Reinsperger drehte für den Film "Kalb" eine echte Kalbung
28.10.2022 | „Kalb“ feiert Premiere auf den Hofer Filmtagen

Alarm per Moocall

Am 28. Oktober feiert Friedrich Tiedtkes Kurzfilm „Kalb" seine Weltpremiere bei den Hofer Filmtagen. Darin zeigt der Nachwuchsregisseur den Generationenkonflikt im ländlichen Raum. Produziert wurde der Film von der Hamburger Produktionsfirma Tamtam Film gemeinsam mit Tiedtke. Warum "Kalb" fast nie gedreht worden wäre und welche Herausforderungen der Dreh einer echten Kalbung mit sich bringt, verraten wir euch hier.

Als der "Moocall" nachts auf dem Handy des Filmteams anspringt, ist noch etwa eine Stunde Zeit. Eine Stunde, bis ein neues Kalb das Licht der Welt erblickt. Eine Stunde, bis Schauspielerin Stefanie Reinsperger und die Filmcrew eine der wahrscheinlich herausforderndsten Szenen ihrer bisherigen Laufbahn drehen: Eine echte Kalbung vor laufender Kamera. „Alles war in einem kleinen Extra-Set vorbereitet: Das Licht, die Mikros, die Kameras. Wir wussten genau, wer vom Team gebraucht werden würde und wo sich alle im Set aufhalten dürfen. Und es hat dann auch alles super geklappt", sagt Regisseur und Drehbuchautor Friedrich Tiedtke. In seinem neuen Kurzfilm "Kalb" ist die Kalbung die zentrale Szene. „Ein Kurzfilm über das Durchtrennen der Nabelschnur" heißt es im Kurzinhalt – aber eben nicht nur im wörtlichen Sinne. Im Zentrum steht die 30-jährige Franziska, die versucht, sich in Schleswig-Holstein mit einem Selbstversorger-Garten unabhängig zu machen. Gleichzeitig muss sie jedoch gegen die Bevormundung ihrer benachbarten Eltern kämpfen, deren Ideale in der konventionellen Landwirtschaft verankert sind.

Franziska (Stefanie Reinsperger) möchte von ihren Eltern unabhängig sein, ihr fehlt jedoch selbst für die nötigsten Dinge das Geld

Lange Zeit wusste Friedrich Tiedtke nicht, ob sein Projekt selbst jemals das Licht der Welt erblickt: „Eigentlich sollte 'Kalb' mein Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg sein. Doch dann kam Corona und wir mussten die Dreharbeiten mehrmals verschieben. Im Sommer 2021 waren wir dann kurz davor, das Projekt nicht mehr realisieren zu können", so der Regisseur, der das Drehbuch gemeinsam mit der dänischen Autorin Ida Åkerstrøm Knudsen schrieb. Ein Gespräch mit der Hamburger Produktionsfirma Tamtam sollte jedoch die Rettung für seinen Kurzfilm bringen. Die beiden Produzent*innen Andrea Schütte und Dirk Decker hatten den 31-Jährigen bereits seit einem Workshop beim Kurzfilmfestival Hamburg im Jahr 2014 in guter Erinnerung und seine Arbeit über die letzten Jahre verfolgt – und jetzt war die perfekte Gelegenheit für eine erste gemeinsame Zusammenarbeit gekommen. „Drehbuch und Setup zu 'Kalb' haben uns sofort gefallen, deswegen wollten wir nach Jahren der Kurzfilm-Enthaltsamkeit noch mal dieses Abenteuer wagen", sagt Tamtam-Produzentin Paulina Toenne, die das Projekt im Hause Tamtam federführend begleitet hat. Nur vier Monate nach dem ersten Treffen fiel im Januar 2022 die erste Klappe.

Cast und Crew mit Regisseur Friedrich Tiedtke (vordere Reihe Mitte)

Gedreht wurde auf einem Hof im Schleswig-Holsteinischen Schwackendorf sowie in Rabenholz. Zehn Tage brauchte das Team, bis alles im Kasten war. Tiedtke selbst kommt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Eckernförde, weiß also aus erster Hand, wie das Landleben im nördlichsten Bundesland so spielt. Und welche Konflikte auftreten können: „Der Film zeigt einen Generationenkonflikt, den ich selbst in meinem Umfeld immer wieder beobachtet habe. Viele junge Erwachsene sind – oft sogar noch nach dem Studium - von ihren Eltern finanziell abhängig, was mit einem Minderwertigkeitsgefühl einhergeht. Den daraus resultierenden Wunsch nach Unabhängigkeit wollte ich in 'Kalb' beleuchten. Da erschien mir die industrielle Landwirtschaft, in die unsere Hauptfigur Franziska hineingeboren wurde, als passendes Setting. Denn hier gibt es ebenfalls viele Abhängigkeiten", verrät der Nachwuchsregisseur.

Franziska in ihrem Garten

Das Datum für den Dreh wurde so gelegt, dass in dem Zeitfenster zwei potenzielle Kalbungen auf dem Hof stattfinden würden. Um nachts rechtzeitig vor Ort zu sein, bediente das Team sich eines "Moocalls" – ein Art Wehenschreiber am Schwanz der Kuh, der etwa eine Stunde vor der Kalbung einen Alarm aufs Handy schickt.

Bereits Wochen vor Drehbeginn war Hauptdarstellerin Stefanie Reinsperger bei einer Kalbung dabei und hat mit Hand angelegt. Die eigentliche Kalbung im Januar wurde dann mit einem sehr kleinen Team gedreht, um die Kuh nicht zu stressen: „Stefanie hat sich mit einem wahnsinnigen Mut in die Situation begeben. Das ist bei weitem nicht selbstverständlich", sagt Tiedtke. Kuhwirtin Agnes Greggersen war die ganze Zeit vor Ort und hätte jederzeit unterstützen oder übernehmen können.

Der Schein trügt: Selbst ein Familientreffen bietet für Franziska viel Konfliktpotential

Auch im Produktionsbüro von Tamtam wartete man täglich auf die frohe Botschaft: „Ich bin morgens aufgewacht und hatte eine Nachricht von Friedrich mit einem Bild vom Kälbchen auf meinem Handy. Als wir uns dann das Material vom Dreh angeschaut haben, war das schon sehr ergreifend", sagt Paulina Toenne. Auch wenn sie schon seit vielen Jahren im Filmbereich unterwegs ist, war "Kalb" ihre erste Arbeit als Produzentin bei Tamtam Film. Was sind die größten Herausforderungen im neuen Job? „Auch in stressigen Situationen einen kühlen Kopf bewahren und dem kreativen Team den Rücken freihalten. Kommunikationsfähigkeit ist außerdem eine der wichtigsten Eigenschaften", so Toenne.

Ende Oktober feiert "Kalb" seine Weltpremiere bei den Hofer Filmtagen, reist dann noch über Lübeck und Flensburg zu den Black Nights ins estnische Tallinn. Auch darüber hinaus stehen die Zeichen gut, dass es zu einer erneuten Zusammenarbeit zwischen Tamtam und Friedrich Tiedtke kommen wird. Vielleicht eine deutsch-dänische Koproduktion, da der Regisseur mittlerweile zum Großteil in Kopenhagen lebt? Wir sind gespannt.

Tamtam Film/Leo Schmidt
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